Ticken die noch?

Gepostet am 4. Juli 2008

Wer es noch nicht mitbekommen hat, zum 95. Male startet morgen die Tour de France. Schon bevor der durchgeknallte Ulle und Co. in den späten 90ern die Radsportbegeisterung in Deutschland auslösten war ich bemüht jeden Nachmittag nach der Schule, die damals noch sehr spärlichen Übertragungen (in Memoriam Emig, Watterott und Klaus Angermann, Fignon vs. Lemond, …) zu verfolgen. Nachdem sie letztes Jahr nach den ersten Skandalen noch so korrekt waren die Übertragung zu beenden und es die deutschen Topleute gegen die noch immer so starke Konkurrenz wohl eher schwer haben werden gute Platzierungen zu erreichen, übertragen ARD und ZDF ab morgen wieder die härteste Radrundfahrt des Jahres. Soweit eigentlich lobenswert, es kehrt wieder “Vernunft” ein. Dopingvergangenheit oder -vermutung hin oder her – wenn ich ein Rennen, sprich Sport (!), sehen will überlege ich mir nicht wer da nun was genommen hat und warum der eine nun dem anderen davon fährt oder nicht – doch was die Sender dort wohl ab morgen veranstalten werden ist an Scheinheiligkeit nicht mehr zu überbieten.

Statt, wenn überhaupt, analog zu Netzer, Klopp und Co. mit fachlich versierten Leute das sportliche Geschehen zu analysieren verpflicht das ZDF tatsächlich Ex-Profi Jörg Jaksche als ZDF-Dopingexperten für die Tour. Klar, ehemalige Fahrer wie Jaksche dürfen auf keinen Fall Statements zu irgendwelchen Rennverläufen, Material oder Strecken abgeben. Alles unglaubwürdige Lügner, darrum sind Altig, Wüst, Gölz, Aldag und Co. auch auf einen Schlag nicht mehr fernsehkompatibel. Für das Thema Doping, da braucht man jedoch echte Experten, die uns die Welt erklären. Warum sollte man sich also aufs Sportliche konzentrieren, wenn man genauso gut auch über ach so spannende und immer nebulöse Dopinggeschichten berichten kann?

jetzt.de analysiert sehr treffend:

[...]Was aber werden die Öffentlich-Rechtlichen machen, wenn ein Doping-Fall publik werden sollte? Im vergangenen Jahr hatten sie die Übertragungen abgebrochen. Diesmal soll, wie ein ARD-Sprecher sagt, erst mal geklärt werden, ob es sich um einen Einzelfall oder um System handelte “und ob der Veranstalter eine Mitschuld trägt”. Übersetzt heißt das: Abgebrochen wird auf jeden Fall, wenn etwa die ersten zehn Fahrer nachgewiesenermaßen gedopt waren und wenn der Organisator der Tour den Stoff verteilt hat. Dann wäre die Geschäftsgrundlage zwischen TV und Veranstalter entfallen. Ganz sicher. Senderehrenwort. Ansonsten läuft das Geschäft, wie es immer lief.
Die alljährliche Diskussion über Doping im Radsport, die Haltung von Medien und Öffentlichkeit und die stets um ihr Sendungsbewusstsein ringenden Sender offenbaren einen Abgrund von Heuchelei.

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photo credit: Picatostes

Ich frage mich sowieso warum überhaupt noch an Nachmittag und Vorabend zur kostbaren Telenovela-Sendezeit gesendet wird. Viel interessanter wäre doch eine Live-Berichterstattung gleich nach dem Abendessen direkt aus den Mannschaftshotels. Wer geht mit wem auf’s Zimmer? Wer bekommt welche Transfusion? Wo greift der Masseur genau hin? Und was genau ist in diesem als Wasserflasche getarnten Flüssigkeitsbehälter? Dann schaltet man zwischendurch ins Studio um zur “Halbzeitpause” das Geschehen mit allerlei Doping-Experten zu diskutierten: Umstellung der Taktik, neue Rezepturen, Einsatz von noch nicht final getesteten genetisch manipulierten Eigenkreationen, Einstudieren von neuen Ablenkungsmanövern, brandneue Entwicklungen aus Fernost. Das Publikum würde sich freuen über die wohl spannendste TdF aller Zeiten mit überraschenden Außenseitersiegen und völlig neuen taktischen Marschrouten.

Fast könnte man meinen, dass unter dem Deckmantel der Tour, die noch immer erstaunlich viele Zuschauer an die TV-Apperate zieht, nur darauf gewartet wird eine große schlagzeilenträchtige Aufklärungskampagne loszutreten. Aufgrund journalistischer Berichtererstattungpflicht muss dann natürlich knallhart ermittelt, nachgefragt und aufgeklärt werden. Viel lieber würde man natürlich nur über den Sport berichten, doch leider kündigt Frau Lierhaus bestimmt auch diesmal wieder an, dass “die Ereignisse der letzten Tage uns keine Wahl lassen über dieses unschöne Thema zu berichten”.

Nicht dass ein falscher Eindruck entsteht. Auch wenn ich selbst einschmeiße was nur so reingeht :) , ich bin ganz klar gegen Doping und halte das für einen Betrug am Wettkampf, den Zuschauern, den Gegnern und vor allem am Sport selbst, da Chancengleichheit bzgl. der Leistungsfähigkeit einfach nicht mehr gegeben ist. Was ich aber definitv nicht sehen will ist eine Dopinginszenierung alá ARD und ZDF. Entweder übertragt Sport oder aber übertragt nichts, dann überträgt wie 2007 womöglich ein dann moralisch schwer verachteter Sender. Besser so, denn auf den nervenden Klamauk der letzten Jahre kann ich ganz bestimmt verzichten. Wie schon vor 15 oder 20 Jahren gilt für mich: ich will Radsport sehen und nicht “Derrick und Harry Klein Hajo Seppelt auf der Jagd nach der verlorenen Spritze”.

Noch ein Nachschuß:
Warum gab und gibt es für Bundesliga und bei der Euro 2008 eigentlich keinen Doping-Experten in den öffentlich-rechtlichen Kompetenzteams? Wohl unnötig, denn ohne richtige Fahndung eh keine Funde. Und solange Franz, Lother, Klinsi und Co. einhellig behaupten, dass “Doping im Fußball sowieso nichts bringt”, solange ist der Fußball auch tiptop sauber. Oder ist ein gedopter Poldi tatsächlich vorstellbar? Seht Ihr …

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