Überholt nach der Zielinie

Gepostet am 9. Juni 2008

Mannomann, schon erstaunlich was sich aus meinen Knochen noch so herausholen lässt. Beim gestrigen Kraichgau Triathlon Festival 2008 konnte ich auf meine letztwöchige Leistung (mal wieder) eine gute Schippe drauflegen und mit Platz 57 (von 485 Männern) ein respektables Ergebnis einfahren. Schade nur, dass ich obwohl ich auf Platz 26 über die Zielinie lief, am Ende auf der Ergebnisliste noch von 31 sicherlich gedopten Vollzeitsportler Polizisten überholt wurde, die im Rahmen dieses Wettbewerbes ihre bayrischen und württembergischen Meister küren konnten. Letztendlich jedoch kein wirklicher Grund um traurig zu sein.

Aber mal wieder von Anfang an. Nach beschwerlicher Anfahrt am Freitag Abend mit einem staubedingten Zeitverlust von rund 95 Minuten, den Nachtbaustellenarbeitern vor Pforzheim-Nord sei gedankt, dass sie auch am überraschenderweise nicht allzu verkehrsarmen Freitag Abend so pflichtbewusst ihren Job ausüben, war es schließlich schon Samstag als wir wohlbehalten im bereits von einigen Triathleten bewohnten Dormotel Bruchsal ankamen. Nach relativ kurzer Nacht ging es dann nach unspektakulärem Frühstück gleich mit dem Auto an den Hardtsee in Ubstadt-Weiher, den Ort des Schwimmauftakts und somit Start der Radstrecke, wo wir die Gelegenheit und das trockene Wetter gleich nutzten um a) ein bisschen Rad zu fahren, b) dabei die Beine etwas anzulockern und c) einen Eindruck von der Radstrecke und der Landschaft zu bekommen. Und was soll ich sagen, alle Ziele wurden zur vollsten Zufriedenheit erfüllt.
Weiter im Programm ging es direkt im Anschluss an den Zielort, die Schönbornhalle in Bad Schönborn, zur Startnummernausgabe. Dann wieder zurück ins Hotel, schnell geduscht und den Tag mit einem Stadtbummel in Karlsruhe und einem akzeptablem mexikanischen Essen im La Cubanita in Bruchsal (mit Fußball im Hintergrund) ausklingen lassen.

Auf der LaufstreckeAm nächsten Morgen klingelte der Wecker exakt um 0655. Im Schnelldurchlauf weiter: Anziehen, frühstücken, losfahren, Rad fahrfähig machen, Rad und Athlet einchecken, Wechselbereich aufbauen, Wechselbeutel abgeben, Neo anziehen, 100 Meter einschwimmen, raus aus dem Wasser, Neo neu ausrichten, zur Startlinie schwimmen, tief durchatmen. Der Schwimmstart dann pünktlichst um 0845. Mit einer guten Startposition recht weit vorne versuche ich von Beginn an mein Wohlfühltempo zu schwimmen. Obwohl rund 500 Schwimmer im Wasser sind, geht es weitgehend gemäßigt zu, allein ein paar kreuzende Zickzack-Schwimmer behindern mich leicht. Ich versuche bewusst meine gelernte Technik zu schwimmen, wasserschattentechnisch geht jedoch leider nicht besonders viel, es sind einfach keine Beine da denen man im genau richtigen Tempo hinterherschwimmen könnte. Beim Schwimmausstieg zeigt meine Billigstoppuhr dennoch 26:22 Minuten. Perfekt, neuer Schwimmrekord, mit einer 26er Zeit hätte ich nicht gerechnet.
Knappe drei Minuten und einen flüssigen Wechsel später, die Wechselzone war bei rund 2000 Teilnehmern entsprechend riesig, sitze ich bei noch bedecktem Himmel aber angenehmen 19 Grad auf dem Rad. Das “Schlimmste” ist überstanden, nun geht mein Rennen richtig los. Kopf runter, tief in Aeroposition, die ersten Kilometer flach, der Tacho zeigt konstant über 40 Sachen, während ich an zahlreichen besseren Schwimmern vorbeiziehe. Irgendwann bei Kilometer 5 will tatsächlich ein (vermeintlicher) Held mit mir mitfahren, nach zwei Kilometern bin ich den auch wieder los. Dann hängt sich noch ein Überholter dran, Abstand geschätzte 50 Zentimeter. Nachdem mehrmaliges nach hinten schneuzen nicht hilft, müssen mich die Kampfrichter von dem Kerl befreien. Selten habe ich eine verdientere Zeitstrafe erlebt. Bis Kilometer 25, mittlerweile in stark welligem Terrain, wird weiter munter überholt, während ich nur ein einziges Mal von einem irrsinnig schnellen Staffelfahrer abgehängt werde. Ab der Verpflegungsstation in Eichelberg ist komischerweise niemand mehr da zum überholen. Bin ich ganz vorne? Sicher nicht, und somit versuche ich weiterhin voll draufzudrücken und hole am längsten Anstieg (Bergwertung Schindelberg) und kurz danach noch zwei gut schwimmende Profi-Triathletinnen ein. Wechsel 2 vom Rad zum LaufAuf den letzten hakligen Kilometern Richtung Wechselzone 2, in den zu durchfahrenden Wohngebieten warten immer wieder enge und sehr vorsichtig zu fahrende 90-Grad-Kurven, werde ich noch von einem weiteren Staffelmann gestellt, doch egal, mit einem passablen 35-er Schnitt steige ich, wie ich vom zurufen erfahre, auf Platz 34 vom Rad.
Etwas unsicher was meine Beine noch hergeben würden, schließlich versuchte ich diesmal wirklich 100 Prozent zu fahren, machte ich mich auf die noch sehr leere Laufstrecke. Obwohl es sich nicht so schnell anfühlte, konnte ich schon nach einigen hundert Metern weitere Plätze gut machen und nach der ersten Laufrunde war ich beim Blick auf die Uhr durchaus überrascht dort eine gute 19er-Zeit zu sehen. Die letzten 5 Kilometer von Laufrunde 2 sind schnell erzählt. Mittlerweile war es richtig voll geworden auf der Laufstrecke, es blieb nicht anderes übrig als im Slalomkurs auf Dauerüberkurs zu laufen. Weitgehend problemlos lief ich die letzen Kilometer bis ins Ziel, sicherlich nicht voll am Limit, aber trotzdem in einem nicht steigerbaren Tempo. Konkurrenz von hinten, Fehlanzeige. Bei Kilometer 9 dann der Machoschock, als ein Radfahrer an mir vorbei fährt und die zweitplatzierte Frau ankündigt. Frau Best (immerhin eine Weltmeisterin im Gehen) hatte mich tatsächlich noch beim Lauf gestellt. Da sie schon auf mich aufgelaufen ist und über eine Minute gut gemacht hat, verzichte ich in Anerkennung ihrer Leistung jedoch auf ein Schlussduell und lasse sie also vorbeiziehen. Ich versuche zumindest einigermaßen dranzubleiben und gönne ihr natürlich den Applaus beim Zieleinlaufauf. Bei 2:22:12 Stunden bleibt schließlich meine Stoppuhr stehen, womit ich als guter 26-ster der Männereinzelwertung das Ziel erreiche.

Mal wieder darf die ich die Vorteile einer schnellen Zeit (bei entsprechend früher Startgruppe) genießen. Der Athletengarten ist nahezu leer, die Verpflegungsbuffets noch gut gefüllt, und auch beim Massageservice warten die später sicherlich überlasteten Physios noch auf Beinknetarbeit. Nach etwas Kuchen, Obst, Abkühlung im Pool und einer rund 10-minütigen Massage, schnappe ich mir dann meine Wechselbeutel und das Fahrrad, gönne mir noch die verdiente Dusche um gut gesäubert vor der Heimfahrt zumindest noch den Zieleinlauf der Sieger der M-Distanz (2/60/15) zu sehen. Wie erwartet dominierte Hawaii-Sieger Chris McCormack, der nach eigenen Angaben ein gutes, aber durchaus hartes Rennen absolvierte, dort die nicht allzu schwache Konkurrenz und setzte somit die Latte für den anstehenden Ironman Germany entsprechend hoch.
Kurz vor 13 Uhr, also rund zwanzig Minuten später, waren wir schon unterwegs auf der Autobahn Richtung Heimat wo wir ohne Verkehrsprobleme gegen 16 Uhr, und somit pünktlich zum Österreich-Spiel, zu Hause ankamen. Rasch wurde noch ausgepackt, der Wäschekorb gefüllt und mit einer großen Portion Milchreis der Kohlenhydraspeicher aufgefüllt, ehe wir das rundum gelungene lange Triathlon-Wochenende auf der Couch, mit zwei Fußballspielen zur Untermalung, ausklingen ließen. Beim spätabendlichen Blick auf die mittlerweile veröffentlichten Ergebnislisten dann doch eine kleine Enttäuschung als ich meinen Namen erst auf Platz 57 finde. Zwar hatte mich keiner der rund 200 nach mir gestarteten Polizisten (Start 15 Minuten später um 9 Uhr) auf der Strecke überholt, letztendlich konnten sich aber tatsächlich noch 31 Jungs in Grün vor mir platzieren. Rein rational sicherlich keine große Überraschung, eine (nach meinen Maßstäben) Top-Platzierung unter den besten 10 Prozent hatte ich dadurch bei 485 gewerteten Männern leider mal wieder verpasst.

Noch ein Nachtrag mit kurzer Analyse:

  • Betrachtet man sich die Detailergebnisse genauer kann ich trotz mittlerweile akzeptabler Schwimmzeit irgendwie noch immer nicht so ganz zufrieden sein. Platz 48 auf dem Rad (inkl. mäßigem Wechsel), Platz 44 beim Lauf, aber “nur” Platz 162 im Wasser, so die Einzelergebnisse. Schon klar, dass es einige Schwimmspezialisten gibt, die ich in den anderen Disziplinen locker in die Tasche stecke, auffallend ist aber doch, dass vor mir nur ein einziger Besserschwimmer (natürlich Polizist) platziert ist, der letztlich schlappe 10 Sekunden langsamer als ich geschwommen ist. Zwar bin ich mittlerweile auch schon im ersten Schwimmdrittel angekommen, für Platz 45 hätte ich jedoch nochmals zwei Minuten schneller schwimmen (oder wechseln oder beides) müssen.
  • Interessant auch die Bergwertung für den 2,7 Kilometer langen Anstieg (Nomenklatur für unsere Verhältnisse ein Witz) nach Schindelberg. Platz 127 von 1636 Fahrern und nur 9 Sekunden hinter dem mehrfachen Ironman-Gewinner Ain-Alar Juhanson geben einem doch ein ganz gutes Gefühl für die Dauerbergwertungen in knapp zwei Wochen beim Alpen-Triathlon am Schliersee.
  • Wunden und schmerzliche Nachwirkungen? Mal wieder die üblichen Neoprenschwimmscheuerwunden am Nacken, zudem ein schöne Blase an der rechten Ferse gelaufen. Dem Rest vom Fest geht es erstklassig, eigentlich viel zu gut.
  • Was Herr Kienle derzeit auf der Radstrecke abbrennt ist ja der totale Wahnsinn. Bin jetzt schon mal auf das Rennen am Schliersee gespannt. Mal sehen um wie viele Minuten er mich dort deklassieren wird.


5 Reaktionen zu “Überholt nach der Zielinie”

  1. Video aus dem Kraichgau | Blog[CHA] v2 meinte:

    [...] nicht uninteressant, seit heute Vormittag ist  das rund 15-minütige tri2b.com-Video zum Rennen vom vergangenen Sonntag online. Im Gegensatz zu einigen anderen Wettkampfberichten, die nur mal kurz den Zieleinlauf und [...]

  2. Jetzt gilt’s | Blog[CHA] v2 meinte:

    [...] perfekte äußere Bedingungen, gute Vorwettkämpfe, eine Rekordzahl an persönlichen Fans an der Strecke und die große Motivation durch den direkten [...]

  3. HarthartHART | Blog[CHA] v2 meinte:

    [...] Gucken, Trinken und Essen), am Beginn jedes Triathlons steht bekanntlich das Schwimmen. Genau wie vor zwei Wochen im Kraichgau stand mal wieder die unmenschliche Strecke von 1.500 Metern auf dem Programm. Nachdem ich dort eine [...]

  4. Nachlieferung | Blog[CHA] v2 meinte:

    [...] langsamer geschwommen bin als vor ein paar Wochen (so lang ist das schon wieder her?) bei meinem Streckenrekord im Kraichgau. Gute 27 Minuten brauchte ich für die 1.500 Meter, im Gegensatz zum letzten Start ging es diesmal [...]

  5. Königsbrunner Wasserfestspiele | Blog[CHA] v2 meinte:

    [...] glatt gegangen hätten es am Ende auch durchaus unter 10 Minuten sein können, nachdem es beim Kraichgau Triathlon vor rund 5 Wochen fast genau 12 Minuten, die ich auf ihn verloren hatte. Die Richtung stimmt also, [...]



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