Clearwater minus 0 – Race Day

Gepostet am 16. November 2009

So schnell kann’s gehen, jetzt isses vorbei, das Rennen um die 70.3-Weltmeisterschaft. Nachdem ich die ganze Woche ja schon mehr als fleißig berichtet habe und ich nun erst vor wenigen Stunden aus de, Flieger gestiegen bin nun also das Allerwichtigste zu meinem Rennen am vorgestrigen Samstag.

Rennvorbereitung:
Komisch, im Gegensatz zu meinem mitgereisten Vater verspüre am Vorabend des Rennens noch immer keine Nervosität und kann daher gut und fest bis zum Weckerklingeln um 5 Uhr durchschlafen. Das meiste Zeug ist bereits vorbereitet, jetzt also schnell zum Frühstück wo ich schnell vier Toasts mit Honig verdrücke, dann die Getränke mischen, warm anziehen und los zum in Amerika zu beliebten Body Marking am Startbereich, wo wieder mal alles sehr gut organisiert läuft und rasch vonstatten geht. Schnell noch zum Fahrrad, die Flaschen füllen, die Schuhe ausrichten, Reifen nachpumpen und den Standort einprägen. That’s it, mehr kann ich jetzt nicht mehr machen.
Nach den Wetterkapriolen der letzten Tage zeigte sich an diesem Morgen dann Florida wie man es erwarten: eine leichte Brise, wolkenloser Himmel angenehme Temperaturen, sogar auf der regulären Schwimmstrecke hätte man an diesem Tag schwimmen können, da aber zur Sicherheit der Teilnehmer der Schwimmstart schon am Vortag vom offenen Meer in den Hafen verlegt wurde, beginnt man schon um 6.30 Uhr die Aufstellung für den Einzelstart am Bootspier vorzunehmen. Für mich etwas zu früh um eine Stunde rumzustehen und so gehe ich nochmals zurück ins Hotel um dort meinen Neo anzuziehen, im Pool zu fluten und ordentlich auszurichten. Gut so, denn ein Einschwimmen ist für die AK-Athleten mit dieser Startform nicht erlaubt.
Als ich gegen 7 Uhr am Start eintreffe bin ich überrascht, wie schnell dort alles geht und die ersten meiner Startgruppe offensichtlich schon gleich ins Wasser gelassen werden. Also galt es keine Zeit zu verlieren, rasch konnte ich mich im Startkanal vorbeidrängeln und mich bei den weißen Kappen einreihen. Wenige Minuten später war ich dann schon im Wasser, letztendlich rund 11 Minuten vor meinem geplanten Schwimmstart um 7.25 Uhr.

Schwimmen (Plan 0:31:30, Hoffnung 0:30, Minimum 0:33):
Das ist der Time Trial StartÜber die Chip-Matte, ins Wasser und los. Von einem wirklichen Einzelstart im Sekundentakt war nicht viel zu erkennen. Im fast schon spiegelglatten Wasser ging es zunächst genau der gerade aufgegangenen Sonne entgegen Richtung Osten, so dass die Bojen nur schwerlich zu erkennen waren. In dem langgezogenen Feld, rund 700 Starter waren schon vor mir im Wasser, war es trotzdem nicht schwer sich zu orientieren und ich versuche von Anfang an ein flotten Rhythmus zu finden was allerdings aufgrund der Startmodus gar nicht so einfach war. Zwar konnte ich die meiste Zeit ohne jegliche Behinderung vor mich herschwimmen, allerdings merkte ich auch, dass mir das Wettkampf-Adrenalin aufgrund der fehlenden Prügelei einfach fehlte. Ich konnte auch besten Willen keine passenden Füße zum hinterherschwimmen finden, denn entweder waren diese zu langsam, schwammen irre Zickzackkurse oder waren viel zu schnell an mir vorbei. Ich fühlte mich eigentlich gut, wahrscheinlich zu gut, und versuchte somit für mich den bestmöglichen Armzug durchzuziehen, auf die Technik zu achten und möglichst direkte Linie zu wählen, spulte aber dennoch die gesamte Strecke in einer Art Trainingsmodus herunter. Beim Blick auf die Uhr staunte ich beim glitschigen Schwimmausstieg aber nicht schlecht: 0:34:55 zeigt mir meine Uhr die Rundenzeit an. Eigentlich unfassbar schlecht und noch langsamer als in Wiesbaden und das obwohl ich zuletzt in allen Schwimmtests neue Bestzeiten schwimmen konnte. Enttäuschend und etwas unverständlich, aber jammern hilft nix, rasch noch beim Ausziehen des Neo helfen lassen, hinlegen, anziehen, ratsch, schnell weiter in die Wechselzone, die offizielle Zeitnahme des Schwimmens wurde wohl erst etwas später gestoppt, so dass meine Schwimmzeit auf noch enttäuschendere 35:09 Min kommt.

Radfahren (Plan Sub 2:20, Hoffnung 2:15, Minimum 2:22) :
Nach einem flotten Wechsel in der recht großen Wechselzone saß ich schon zwei Minuten später auf dem Rad. Von den ersten Metern wurde gleich Druck gemacht der Anstieg zur Brücke hoch wurde mal locker mit 28 Sachen durchgedrückt. Links und rechts versuchten schon zahlreiche Athleten ihre Räder wieder zu reparieren, dann ging es kurz nach der Brücke stets durch Clearwater hindurch Richtung Norden.
Zu behaupten ich wäre immer fair gefahren wäre gelogen, aber angesichts der Umstände der Strecke und der sportlichen Kompaktheit des Teilnehmerfeldes mussten quasi zwangsläufig Gruppen entstehen. Die Radstrecke war zwar grundsätzlich komplett gesperrt und sehr gut gesichert, auf den ersten 40 Kilometer stand aber fast ausschließlich nur eine Fahrspur zur Verfügung, parallel dazu leifer der “normale” Autoverkehr. Nachdem die tendenziell älteren und langsameren Teilnehmer (hohe AKs und Frauen) zuerst auf die Strecke geschickt wurden musste das schnelle Männerfeld von hinten immer wieder stocken um auf der dazu zu schmalen Strecken in dritter Reihe und mit knappsten Abstand von oft nur zehn Zentimetern überhaupt überholen zu können. Genau hier entstanden somit schon zu Beginn des Rennens diverse Gruppen und Grüppchen in denen dann mehr oder weniger unfair gefahren wurde. Ganz klar, wirklich fair fuhr hier fast keiner der schnell unterwegs sein wollte. Man mag das in der Fernsicht für schlecht befinden, ich bin auch zu 100 Prozent für faire windschattenfreie Rennen und ärgere mich beim Blick auf die Ergebnisliste über so manche “Traumzeit” (insbesondere bei den AK-Frauen, die teilweise acht bis zehn Minuten schneller als die wohl besser kontrollierten Pro-Frauen unterwegs waren), aber dies ist nun mal der Charakter dieses Rennen und wenn Du im Renngeschehen unterwegs bist und siehst, dass man auf sich alleine gestellt selbst bei Tempo 43 und mehr auf der flachen Geraden absolut keine Chance hat wegzukommen, ich habe es am Anfang noch mehrfach probiert, ist es nur verständlich, dass letztendlich auch entsprechend gefahren wird. Nicht falsch verstehen, es gab durchaus Leute die immer wieder versuchten vorne wegzukommen oder wenn möglich ein gewisses Maß an Abstand zu halten. Andererseits gab es natürlich auch einige Spezialisten und starke Frauen, die über die gesamte Strecke Oberlenker fuhren und sich keine zwei Zentimeter vom Vordermann lösen wollten. Nach meinem Geschmack hielten sich diese zwei Fraktionen in etwa die Waage.
Nun gut, trotz der Tatsache, dass man zum überholen immer wieder etwas Tempo rausnehmen musste, bis zum nördlichen Wendepunkt bei Kilometer 40 war das Rennen, auch aufgrund des leichten Rückenwindes extrem schnell. Ich fuhr, abgesehen von einigen Passagen wo auch ich aufgehalten wurde, so hart ich konnte und auch immer wieder an der Spitze meiner dann rund sechs Mann starken Gruppe und traute meinen Augen nicht als ich nach etwa 57:40 Minuten die 40-Kilometer-Marke erreichte. Irre, meine Bestzeit bei einem Kurzdistanzrennen über diese Strecke liegt bislang bei netto 1:02 Std. Auf dem Rückweg nach Süden kam dann noch etwas mehr Wind auf und an der Verpflegungsstation bei Kilometer 43 gab es durch einen kurz zuvor eingesammelten Pulk große Konfusion und, soweit ich es erkennen konnte, zwei Stürze, so dass ab dort das Feld in seine Einzelteile zerfiel. Beschäftigt mit meiner Flasche und den verpassten Riegeln verpasste ich hier den Anschluss an drei oder vier schnelle Jungs und fuhr die nächsten 20 Kilometer auf dem nun breiten Highway weitgehend allein dem Ziel entgegen. Einige eingesammelte Biker versuchten immer wieder an mir dranzubleiben doch nach maximal zwei Minuten fuhr ich wieder alleine, ehe in etwa bei Kilometer 65 noch ein flotter Sechser-Zug von hinten kam. Dort wurde noch relativ ordentlich, meist mit einem Abstand von ca. 4-5 Metern, gefahren und dieser Gruppe schloss ich mich dann bis ins Ziel an. Nicht falsch verstehen, mit Windschattenbummelei hatte das Ganze absolut nichts zu tun, es ging volle Pulle am Limit mit immer wieder wechselnder Führung und mit rund 45 Sachen dahin in Richtung Wechselzone. Die Oberschenkel brannten ordentlich, aber ich hatte wirklich meinen Spaß.
Schnell flog die Strecke vorbei, da ging es schon wieder hinauf auf die Brücke des Clearwater Memorial Causeway und somit auf die letzten zwei Kilometer. Bei meiner zweiten Ankunft in der Wechselzone traute ich dann meinen Augen kaum. Auf der Uhr stand eine Netto-Fahrzeit von 2:12 Stunden bei einer Strecke von knapp 92 Kilometern (auch von anderen Athleten so bestätigt). Ein zweifellos irrer 41,6er-Schnitt, den ich mir selbst in einer Windschattenjagd niemals zugetraut hätte. Unfassbar, was das Zeitfahrtraining der letzten Wochen doch noch gebracht hatte, allerdings fühlten sich meine Beine auf den letzten zwei Kilometern auch dementsprechend an. Viel Saft hatte ich hier nicht mehr in den Oberschenkeln übrig gelassen. Um es genau zu sagen: so gut wie keinen. Dafür hatte ich einfach einen Tick zu viel hingehalten.

Laufen (Plan 1:31, Hoffnung Sub 1:30, Minimum 1:35) :
Am Tag vor dem Rennen hatte ich es doch noch gewagt und mir neue Schuhe gegönnt. Meine eigentlich für den Einsatz geplanten Adidas Leichtgewichte fühlten sich im Vergleich zu den neu erworbenen (und deutlich besser zum Outfit passenderen) K-Swiss K-ONA einfach irgendwie schwammiger im Abdruck an und lassen meinen Fuß stets etwas nach innen rutschen. Schnell hatte ich gestern noch die Schnellverschlüsse in die Schuhe gefummelt und somit ging ich also trotz rund 50 Gramm Mehrgewicht in den neuen Schuhen auf die Laufstrecke.
Beim Lauf über die für meine Verhältnisse noch immer zu langen 21 Kilometer wusste ich ,dass ich taktisch so gut wie keine Wahl habe. Flott anlaufen und versuchen erst möglichst spät zu sterben, so die mehr als simple Devise für die letzten gut eineinhalb Stunden des Rennens. Wie vor kurzem schon geschildert bin ich mittlerweile zur Erkenntnis gelangt, dass ich um schnell zu laufen vorher auch Radfahren muss. Was jedoch für die Kurz- und Sprintdistanz zu gelten scheint, galt am Samstag jedoch leider nicht mehr so ganz. Ich hatte mich offensichtlich auf dem Rad schon so platt gefahren, dass ich auch ohne genauen Geschwindigkeitsmesser am Arm schon nach der ersten Meile überrascht war wie langsam mein Tempo dort war.
YouTube Preview ImageÄhnlich wie beim Rennen in Wiesbaden fühlte ich mich körperlich noch ganz passabel und auch mein Laufstil war den Bildern nach zu urteilen noch annehmbar, ich hatte nur keine Optionen mehr um etwas mehr auf die Tube zu drücken. Gefühlt war mein Puls einfach zu niedrig und so fehlte einfach der letzte Punch um auf eine ordentliche Schrittlänge für einen schnellen Laufspilt zu kommen. Im gefühlt eher gemächlichen Trott spulte ich so noch die zwei wirklich schönen Laufrunden hinunter, auch die recht steile Brücke ließ sich viermal relativ problemlos bezwingen. Durchlaufen war kein Problem, aber an Beschleunigung war nicht zu denken und so musste ich angesichts des doch recht starken Feldes permanente Überholungen zulassen – ein von der Kurzstrecke absolut nicht bekanntes Gefühl für mich. Das ein oder andere Male versuchte ich mich noch etwas mehr zu schinden und klemmte mich hinter einen schnelleren Läufer, aber mehr als 50 bis 80 Meter mitlaufen war leider an diesem Tag nicht mehr drin. Ausreden oder äußere Einflüsse kann ich nicht gelten machen, Wetter und Temperatur bereiteten mir keinerlei Probleme, im Gegenteil bessere Bedingungen (25 Grad mit strahlender Sonnenschein) kann es für mich gar nicht geben, die Verpflegung lief wieder nahezu perfekt, mein Magen und meine Beine krampften überhaupt nicht, aber nach dem Höllen-Radsplit war das Pulver offensichtlich verschossen. Schade, aber das ist nun mal Triathlon und bei einer Rennzeit von knapp viereinhalb Stunden bin ich einfach noch nicht so weit meinen (sicher vorhandenen) Speed über die gesamte Renndauer einer Mitteldistanz durchzuziehen.

Fazit:
Auch wenn ich mit Schwimmen und Laufen nicht ganz zufrieden sein kann, mein Trainingszustand hätte hier in Summe vielleicht 8 Minuten mehr hergeben sollen, die Gesamtzeit und die Platzierung liegt insgesamt gesehen im für mich sehr guten Bereich. Platz 359 gesamt und Platz 81 in der AK (von 220 Teilnehmern) und damit deutlich in der ersten Hälfte mit einer Gesamtzeit von 4:28:30 Std.
Finisher Handtuch und MedailleWer mich kennt, der weiß, dass ich mir für mich in den meisten Fällen etwas höhere Ziel setze, darum suche ich dooferweise auch immer gleich das Haar in der selbst “verbockten” Suppe. Doch Entwarnung, ganz so schlecht, wie es hier jetzt vielleicht rüberkommt, will ich mein Rennen dann doch nicht reden. Schon drei Kilometer vor dem Ziel war ich mir sicher meine vorher angepeilte Endzeit von 4:30 Std zu unterbieten und so lief ich letztlich absolut zufrieden, mit einem dicken Grinsen im Gesicht und auf den letzten 20 Metern dann auch noch eher gemächlich über den wirklich schön angelegten und gut mit Zuschauern gefüllten Zielkanal. Meine Mutter und einige der daheim mitfiebernden Freunde konnten mich über die Finish-Live-Cam auf ironman.com sogar beim Einlauf ausmachen und freuten sich mich dort kurz auf dem Bildschirm zu haben. Gemessen an meinen Möglichkeiten und meiner noch geringen Erfahrung auf den längeren Sachen war das zumindest schon sehr nahe an meinem wirklichen Ziel für diesen Tag, mein bestmögliches Rennen zu machen und somit fühle ich mich durchaus stolz mit dieser Leistung von einer Weltmeisterschaft heimzukehren. Platz 81 in der Welt ist zwar in der Behauptung total vermessen, klingt aber erst mal gar nicht so schlecht. Wenn die anderen nicht antreten kann ich ja nichts dafür. Oder?

Das war’s jetzt also mit dem Triathlon-Jahr 2009. Wie’s weitergeht? Bislang habe ich noch wirklich keine Ahnung. Da muss ich jetzt wohl erst noch ein paar Tage drüber grübeln …



7 Reaktionen zu “Clearwater minus 0 – Race Day”

  1. Tanja meinte:

    Ich finde auch, dass die, die nicht gestartet sind, selber Schuld sind! Schließlich hast Du Dich früher beim Fußball auch nicht gefragt, ob ihr auch gewonnen hättet, wenn der FC Bayern mitgespielt hätte :-)
     

  2. Jörg meinte:

    Genau so isses! Es zählen eben nur DIE, die auch wirklich die Finishline passieren.
    Gratulation zum guten Rennen und danke für den schönen Bericht!
    Grüssle, Jörg

  3. bernd meinte:

    netter bericht und spiegelt so ziemlich mein emfinden wider :-)
    wahrscheinlich haben wir uns irgendwo gesehen (finish: 4:22 H)

  4. Chris meinte:

    Du bist halt das geschwommen, was ich hätte schwimmen können, aber irgendwie nicht konnte. Beim Rest ging es uns wohl ähnlich.

  5. Ralf meinte:

    Gratulation zu diesem Erfolg! Der Bikesplit ist ein absoluter Hammer, dass danach der Halbmarathon nicht mehr ganz so rund läuft, ist irgendwie klar. ;-)
    Die Bilder sind auch sehr schön, Pizza an der Finish-Line ist auch mal eine Idee. Gute Erholung!

  6. Harald meinte:

    Lieber Christian, Dein Bild mit der Medaille sagt mehr als hundert Worte. Ich freue mich für Dich und Deine persönliche Bestleistung an jenem großen Tag. Auch schön, dass das Cheer-Telegramm rechtzeitig eingetroffen ist.  ;-)  Weiter so, mit Herz und Verstand!

  7. Verlorene Sekunden | Blog[CHA] v2 meinte:

    [...] dies wohl auch hergegeben. Immerhin, das mit dem Einzelzeitschwimmen, was ja bekanntlich schon in Clearwater richtig schlecht lief, werde ich so wohl diese Saison nicht mehr erleben, auf dem Rad bin ich auf längeren Strecken [...]



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