IM 70.3 Wiesbaden – Das Rennen

Gepostet am 18. August 2009

Der Ironman 70.3 Germany 2009 in Wiesbaden ist seit Sonntag Nachmittag Geschichte und (viel zu) lang hat es gedauert, nun aber bin ich zumindest wieder einigermaßen hergestellt, zu Hause angekommen und, obwohl noch nicht mit allzu viel Schlaf versehen, soweit wieder einsatzbereit für einen etwas längeren Beitrag. Das Wichtigste hatte ich ja schon heute Früh vorweg genommen: Leistung gemischt, Gesamtzeit enttäuschend, Florida muss (?!) somit als Wiedergutmachung angegangen werden.
Hier nun also der ausführliche Rennbericht, eine Bewertung, Analyse (mit dazugehörigem Maßnahmenplan) der Einzeldisziplinen und ernüchternde Quervergleiche zu bekannten Konkurrenten werden in den kommenden Tagen tröpfchenweise nachgeliefert. Wie könnte ich sonst meine nun anstehende Trainingspause besser nutzen?

Das Vorspiel:
Wecker klingeln um 5.10 Uhr, Frühstück mit Streuselkuchen, Keksen, Waffeln, Müsliriegeln und Magnesium-Drinks, Taschen rein ins Auto, Auto in der City geparkt und dann ab zum Bustransfer hinaus zum Schiersteiner Hafen. Gut dort angekommen um 6.45 Uhr, in Ruhe den Rest vorbereiten, Rad nochmals checken, noch ein bisschen Essen und trinken und glücklicherweise auf die Box gehen. Beim letzten Check merke ich dann aber, dass sich sowohl mein Tacho nun endgültig auch von diesem Rad verabschiedet hat (lange Geschichte, HAC4 Pro, den ich auf allen meinen Rädern fahre, der aber immer wieder keine Signale vom Sender empfängt und blabla …), als auch meine Pulsuhr, eh schon als Notersatz für meine leer gelaufene Nike Triax Sportuhr (braucht man den Herstellersupport zum Batteriewechseln … irre) im Einsatz, verweigern beide ihren ordnungsgemäßen Dienst und funktionieren nur in Teilen. Nur nicht aus dem Konzept bringen lassen, war dann die Devise – schnell schwimmen, radeln und laufen kann man auch ohne detaillierte Zeitnahmen und so wurde sich dann noch rasch in den Neo gepresst und ab ging’s ins Wasser. Körperlich also soweit alles Grün, nur die Technik streikt (vorerst) ein wenig!

Schwimmen (Plan Sub 0:34, Hoffnung hohe 0:31, Minimum 0:35):
Nach schier endlos langen acht Minuten, wo es galt vorne an der Startlinie (Wasserstart) zu treiben fiel um Punkt 8 Uhr für alle Profis und einige AKler (“Elite“) endlich der Startschuss. Ich konnte mir gleich eine gute Ausgangspoistion sichern, Faris Al-Sultan und Sebastian Kienle, beide locker drauf und zu Scherzen aufgelegt, waren nur rund zwei Meter vor mir an der Spitze des Feldes positioniert und bis zum Startschuss versuchte ich meine gute Position in Reihe zwei zu verteidigen. Bei rund 300 Männern und Frauen im Wasser sollten sich doch gute Gruppen zum hinterherschwimmen finden, so zumindest war meine Hoffnung, doch schon nach rund 250 Metern bin ich mehr als überrascht. Aufgrund der stockgeraden Streckenführung positionierte sich das Feld schätzungsweise auf eine Breite von rund 50 Metern und so ging es a) vom Start weg fast ohne Körperkontakt zu, b) war das Feld schon früh stark zersplittert und damit c) ich schon nach wenigen Minuten fast auf weiter Flur allein. Etwas verwirrt ob der Situation paddelte ich nun also voll drauf los bis zur Wendeboje, immerhin beim Blick nach hinten waren dann doch noch viele andere grüne Badekappen zu sehen. So schlecht konnte ich also nicht liegen.
Kurz vor dem Wendepunkt verengte sich das Feld dann doch noch endlich und auf einmal waren auch wieder einige Konkurrenten in Tuchfühlung. Gut so, denn so konnte ich einen Großteil der restlichen 1.000 Meter bis zum Schwimmausstieg hinten immer wieder wechselnden Füßen hinterherplantschen ohne dabei wirklich ans Limit zu gehen. Zwar ging es im gefühlten Zickzack auf den Rückweg und ich hätte vielleicht noch etwas zulegen können, aber ohne den unterstützenden Wasserschatten war an Überholmanöver in der Fünfergruppe leider nicht möglich. Dafür machte sich nach etwa 25 Minuten dann doch die Wassertemperatur bemerkbar, die offiziell mit 23,2 Grad angegeben war, mir durchaus die ersten Hitzewallungen im Anzug bescherten. Anyway, irgendwann kam ich dann doch noch am Ufer an, 33:47 Minuten waren bis dahin vergangen, was soweit im Rahmen der normalen Möglichkeiten lag und so konnte ich immerhin mit dem guten Gefühl nicht allzu schlecht zu liegen auf Radstrecke gehen, auch ohne zu wissen wie schnell (oder langsam) ich nun wirklich war.

Radfahren (Plan Sub 4:45, Hoffnung Sub 4:40, Minimum 4:50):
Rasch gewechselt und schon saß ich auf dem Sattel. Die ersten mehr oder weniger flachen Kilometer wurden noch im flotten Schnitt gefahren, ehe es endlich in den ersten Anstieg. Rasch konnte ich ein paar Konkurrenten einsammeln, doch schon zur Hälfte der etwa 8 Kilometer langen Steigung ging es gefühlt (wie gesagt nur gelegentliches Tachoflackern, daher nur zwischendurch mal Geschwindigkeitsangaben) irgendwie nicht mehr so recht flüssig weiter. Auf dem unebenen Asphalt fühlte nun sich das Hinterrad etwas komisch an, ich wollte mich aber nicht ablenken lassen und zumindest den Berg hochziehen, ehe mich ein Zuschauer darauf aufmerksam macht, dass mein Hinterrad fast platt ist. Kacke! Ich fahre also noch circa einen Kilometer und halte dort an wo einige Zuschauer mit Fahrrad stehe mit der Hoffnung auf unerlaubte (?) Hilfe. Nach vier Jahren Triathlonsport, mein allererster Defekt in einem Wettkampf! Dichtmittel habe ich diesmal dabei, eine Kartuschenpumpe mit CO2-Patrone auch und tatsächlich sofort eilt ein freundlicher Helfer herbei, hilft mir beim Einschäumen und nachdem der Schlauchreifen dann noch nicht viel mehr Luft aufweist, stellt er mir dann seine Pumpe zur Verfügung (wollte nicht gleich nach 15 km die Kartusche verschießen, besten Dank nochmals an den unbekannten Helfer). In der Hektik habe ich die Szene nicht mehr so ganz vor Augen, doch es dauerte am Ende doch ziemlich lange und und denke wir mussten es sogar mit zwei Pumpen und vier Händen versuchen bis irgendwann der Reifen soweit war, dass ich mich guten Gewissens auf die Abfahrt machen konnte. Den Zeitverlust nun zu schätzen ist nicht so leicht, ich bin aber sicher, dass ich durch Analyse, auspacken des Werkzeugs, mehrere Pumpversuche, Organisation einer weiteren Pumpe, vierhändiges Pumpen und mehrfachen Reifencheck sicherlich vier bis fünf Minuten dort verloren habe, zumal ich ein solches Szenario ehrlicherweise auch nie richtig geübt habe und somit nicht jeder Handgriff sofort saß. Irgendwann ging es dann doch weiter und schon auf den noch verbleibenden 500 Metern Anstieg merkte ich, dass ich auf einmal deutlich flüssiger bergauf fahren kann. Mistmistmist, wahrscheinlich hat mich schon der Fastplattfuss jede Menge Zeit gekostet.
Die nächsten Kilometer sind nun aber recht schnell erzählt. Munter flotte Abfahrten wechseln sich mit länger ziehenden Anstiegen ab, keine Höchstschwierigkeiten, aber sehr kraftraubend. Trotz des anders anmutenden Höhenprofils, dazwischen gibt es aber auch immer wieder Rollerpassagen, die gut in Aeroposition zu fahren sind. Während ich am ersten Berg noch teilweise überholt werde (wie gesagt, vielleicht auch durch das Reifenproblem), sammle ich nun noch einige Konkurrenten und mehrere (aber viel zu wenige) Profifrauen ein, denn meine erste Reparaturaktion hatte zwar erst mal für eine gut fahrbare Abfahrt gesorgt, aber schon beim zweiten Anstieg merkte ich, dass der Reifendruck nicht mehr im gewünschten Bereich lag. Also nochmals absteigen, Kartuschenpumpe bereit machen, CO2-Patrone abfeuern, Luftdruck checken, Pumpe wieder montieren und dann mit mulmigen Bauchgefühl und ganz viel Wut weiter. Zumindest hinauf immer mit Vollgas, bei den Bergabpassagen versuchte ich möglichst nicht daran zu denken, was bei den gefahrenen Geschwindigkeiten (sicher um die 80 Sachen) so alles mit einem platten Hinterreifen in den schnellen Kurven passieren könnte.
Leider ging es dann auch holprig weiter, zumindest aus technischer Sicht, denn auf den restlichen 50 Kilometern musste ich noch zwei weitere Aufpumpstopps einlegen. Beim dritten Stopp hielt ich den vorbeifahrenden neutralen Servicewagen an, wir diskutierten ein bisschen ob es Sinn machen würde das Hinterrad ganz zu wechseln, dann lieh ich mir doch nur kurz eine vernünftige Standpumpe aus und knallte den Reifen mit 10 Bar voll, kurz vor dem letzten Anstieg hielt ich dann nochmals in einem kleinen Stimmungsnest an der Strecke an (Niederlibbach?), wo ich ein paar Zuschauer mit Radequipment erblicken konnte, diskutierte ein wenig mit ein paar Typen in lustigen Radtrikots, lieh mir wieder eine Pumpe aus und erhöhte den mittlerweile wieder auf nur noch 2,5 Bar gesunkenen Luftdruck auf erforderliche 8 Bar. Den letzten Anstieg “The Hammer” in Oberlibbach, flog ich unter den Jubelstürmen der absolut fantastischen Zuschauer hinauf, rücküberholte drei oder vier Jungs nun schon zum x-ten Male, ließ diese auch noch massiv stehen (ärgerte mich so richtig!), fluchte dann noch über die letzten welligen Kilometer bei heftigen Gegenwind auf der Bundesstraße und stürzte mich dann endlich hirnlos in die letzte Abfahrt hinab nach Wiesbaden, zum Glück am Ende schadlos. Immerhin, meine Stoppuhr des HAC4 funktionierte noch und so wusste ich, dass ich die Radstrecke letztlich in rund 2:49 Std zurückgelegt hatte. Soweit nicht ganz so schlecht, aber der Gedanke was hier drin gewesen wäre, drückte zunächst massiv auf die Motivation. Kämpfen war also nun das Motto und es galt nur noch zu retten, was irgendwie zu retten war.

Aufzeichnung von 2007, als mein HAC4 Pro noch funktionierte.

Laufen (Plan 1:30, Hoffnung 1:28, Minimum 1:35):
Nach einem Blitzwechsel befand ich mich schon nach weniger als einer Minute auf der Laufstrecke, die zu diesem Zeitpunkt noch sehr sehr leer war, dafür jedoch von wirklichen Zuschauermassen gesäumt (Polizeischätzung lag bei 90.000). Einfach Augen zu, den Arsch zusammenkneifen und laufen was in meinem Standard-Renntempo noch so geht, das müsste doch eigentlich auch für die vier anstehenden Runden im schönen Kurpark klappen – so meine eigentlich mehr als simple Taktik. Beim Blick auf die streikende Pulsuhr (Uhrzeit geht noch, nur die Stoppfunktionen eben nicht) zeigt es 11:28 Uhr als ich aus dem Wechselzelt stürme und mir schon nach wenigen Metern den ersten Becher Wasser über den Kopf schütte. Der Rest vom Tage sollte recht warm (gegen Mittag werden es wohl deutlich über 30 Grad) werden, doch eigentlich galt es “nur” noch eine Zeit von 1:32 Std zu laufen, dann wäre ich zumindest noch unter dem anvisierten Minimalziel von 4:59:59 Std.
Die ersten Meter gehen noch ganz gut, bis zur zweiten Verpflegungsstation (bei Kilometer 3,6) kann ich schätzungsweise noch fünf bis acht vor mir laufende Jungs überholen, während ich selbst nur von Michael Raelert (am ende Gesamt-Zweiter) und Alessandro Degasperi (Gesamt-Fünfter) überholt werde und dabei auch noch feststellen muss, dass die Jungs gar nicht so galaktisch schnell unterwegs sind. Meine Beine sind also soweit noch ganz gut, die Schritte gehen noch flüssig, das Ernährungskonzept passt (zwei Riegel, ein Gel, etwas mehr als drei Flaschen Iso auf der Radstrecke, ein Mix aus Cola, Iso und Wasser beim Laufen) und die hohen Temperaturen stören mich eigentlich überhaupt nicht. Könnte also noch ein versöhnlicher Abschluss werden, so zumindest meine Hoffnung.
Falsch gedacht, denn als ich kurz vor dem Ende der ersten Runde an den zahlreichen Zuschauern rund um das Kurhaus vorbeilaufen darf werden auf heiterem Himmel auf einmal die Schritte deutlich kürzer. Um 12:01 Uhr beende ich somit die erste Laufrunde und bin damit wohl schon einen Tick hinter dem gesetzten Zeitplan. Noch habe ich Hoffnung, dass ich irgendwann wieder rennen kann, doch was ich in den nächsten drei Runden erlebe zieht fast wie ein Film an mir vorbei und ich kann es immer noch nicht ganz fassen, was dort passiert ist. Mit jedem Meter mehr werde ich einen Tick langsamer, meine Beine wollen irgendwie nicht mehr. Keine Krämpfe, keine Schmerzen, keine Probleme mit der Hitze, kein Hunger, kein Durst, keine Magenprobleme und auch sonst keine außergewöhnlichen Beschwerden, aber irgendwie geht mir die Schrittlänge flöten. Zwar habe ich keinen funktionierenden Pulsmesser dabei, ich merke aber, dass mein Puls einfach nicht mehr in Gang kommt und so trabe ich die restlichen drei Runden nur noch ins Ziel ohne, dass ich das Gefühl hätte, es ich kann nicht mehr. Beim Blick auf die Uhr verabschiede ich mich schnell von meiner Sub5-Vision, in Runde drei zieht die erste AK-Frau (später Gesamt-Dritte) an mir vorbei – habe ich so definitiv noch nie erlebt und diesmal habe ich das Gefühl ich stehe – und in Runde vier bin ich schon nahe an der Verzweiflung, als ich auf der immer voller werdenden Strecke (gefühlt) fast nur noch überholt werde und ich mehrere hundert Meter brauche um im Schneckentempo an leicht dicklichen AK-Athleten(innen) aus späteren Startgruppen vorbeizukommen. Traurig traurig, ich wusste wirklich nicht, dass ich jemals so langsam laufen kann.
Auch wenn es am Ende wirklich keinen Spaß mehr machte und ich mir x-mal schwor, dass dies meine letzte Mitteldistanz gewesen sein würde, irgendwann gingen auch die 21,1 Kilometer vorbei und am Display an der Ziellinie hatte ich schließlich gelb auf schwarz die Zeit von 5:06:17 Std stehen. Von den nackten Zahlen her einfach eine schwache Leistung, die am Ende doch noch für einen überraschend guten Rang 142 gesamt (von 1788 Männern) und Platz 35 in der Altersklasse M35 (332 Starter) reichte. Ironman ist nun mal in der Masse dann doch eher eine Hobbyveranstaltung.  Die reine Laufzeit fließt somit eine unfassbare Zeit von 1:39:31 Std (156. Laufsplit) ins Gesamtergebnis ein. Seltsamerweise nach Platz 270 beim Schwimmen und Platz 186 auf dem Rad noch immer die beste Teilplatzierung, aber im Gegensatz zu mir (wie gesagt, gefühlt) machte vielen andere Athleten die Hitze doch sehr zu schaffen.

Allein beim Probelesen komme ich aus dem Kopfschütteln schon fast nicht mehr heraus. Nicht aufgrund der Tippfehler, neenee! Mannomann, was da am Sonntag drin gewesen wäre (Top10 AK, Top50 gesamt) ohne Raddefekt und mit einer “normalen” Laufperformance. Wenn, hätte und aber zählt aber nun mal nicht im Sport und so bleibt dies dann doch eine andere Geschichte.

Wie wie der restliche Tag noch ablief, wie und warum ich am Ende noch zum Startplatz kam, wie meine Analyse ausfällt und wie es jetzt weitergeht? Fortsetzung folgt in weiteren Teilen! Versprochen!



6 Reaktionen zu “IM 70.3 Wiesbaden – Das Rennen”

  1. Tanja meinte:

    Das klingt ja wirklich geheimnisvoll. Bin aber froh, dass Du’s überstanden hast und dass Du den Florida Reiseführer doch noch gebrauchen kannst!

  2. Chris meinte:

    Geheimnisvoll?

  3. Tanja meinte:

    Na, das mit dem Laufeinbruch… irgendwas negatives mußt Du doch gesprürt haben?

  4. Chris meinte:

    Ja, dass ich langsamer wurde und nicht mehr schneller konnte.

  5. Ralf meinte:

    Hallo Chris,
    Gratulation zur Clearwater-Quali. Pannen auf der Radstrecke sind immer schlecht, trotzdem ist die Zeit noch sehr gut. Und die Gewissheit, dass es viel schneller gegangen wäre, hast Du ja auch. Ich bin selbst auch in Wiesbaden am Start gewesen und habe beim Laufen unter der Hitze und den Höhenmetern gelitten.
    Im Rennen habe ich den Garmin Forerunner 310 XT benutzt. Der ist wasserdicht (kann also mit dem neuen Premium-Pulsgurt auch beim Schwimmen benutzt werden) und ist nicht mehr ganz so groß wie der 305er. Vielleicht wäre das auch für Dich eine Option?

    Viel Erfolg in Clearwater
    Ralf

  6. Clearwater minus 0 – Race Day | Blog[CHA] v2 meinte:

    [...] am Arm schon nach der ersten Meile überrascht war wie langsam mein Tempo dort war. Ähnlich wie beim Rennen in Wiesbaden fühlte ich mich körperlich noch ganz passabel und auch mein Laufstil war den Bildern nach zu [...]



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